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«Achtung – sprechen Sie bitte jetzt!»

  • Autorenbild: muggae
    muggae
  • 8. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Juni

Wie ein besessener Tüftler den ersten Anrufbeantworter der Welt erfand

Was heute jede Handy-Mailbox kann, war vor achtzig Jahren eine kleine Sensation: eine Maschine, die ans Telefon geht, grüsst, zuhört und die Nachricht treu aufbewahrt – Wort für Wort. Das Ipsophon, fast einen Meter hoch und 164 Kilogramm schwer, war der erste vollautomatische Telefonbeantworter der Welt. Seine Geschichte führt von einem Münchner Bastlerkeller über die Wirren des Zweiten Weltkriegs bis in ein kleines Thurgauer Museum.


Bildlegende: Das Ipsophon – der erste vollautomatische Telefonbeantworter der Welt. (Foto: Markus Gräub)
Bildlegende: Das Ipsophon – der erste vollautomatische Telefonbeantworter der Welt. (Foto: Markus Gräub)

Vom «lebenden Strumpf» zur Wundermaschine

Erfinder des Ipsophon war Willy Müller, geboren 1903 im allgäuischen Burgberg. Schon mit 21 fiel er mit einer kuriosen Idee auf: einem Reklame-Bein, an dem ein verstecktes Uhrwerk unentwegt einen Seidenstrumpf auf- und abzog – der «lebende Strumpf» stand bald in Modehäusern in ganz Europa.

1925 liess sich Müller in München nieder und gründete eine Firma für Apparateversuchsbau. Aus seiner Werkstatt kamen ein Flüssigkeitsmesser für Tankstellen und ein Wagenheber, den ausgerechnet Rolls-Royce einkaufte. Doch eine Frage liess ihn um 1929 nicht mehr los: Was passiert mit einem Anruf, wenn niemand abhebt? Damals lautete die Antwort: nichts. Die Nachricht war verloren. Müllers Idee: eine «Sekretärin aus Draht und Relais», die niemals müde wird.


Ein Kilometer Draht für fremde Stimmen

Müllers Antwort war ein Metallkasten, so schwer wie zwei erwachsene Menschen. Im Innern: drei grosse Spulenpaare und 71 Relais. Das Geheimnis lag auf den Spulen – denn Müller speicherte die Stimmen nicht auf Band, sondern auf bis zu tausend Metern magnetisierbarem Stahldraht.

Wirklich seiner Zeit voraus war aber, was das Gerät alles konnte. Man konnte es von jedem beliebigen Telefon der Welt abfragen – geschützt durch einen dreistelligen Code. Es übersprang leere Stellen und löschte Nachrichten auf Fernbefehl. Alles das, ganz ohne Mikrochip. Begrüsst wurde ein Anrufer etwa so: «Hier Ipsophon … Ihre Mitteilung wird automatisch aufgenommen. Achtung, sprechen Sie bitte jetzt!» Jeder Satz, versprach der Hersteller, werde wortgetreu festgehalten. Nur eines könne das Gerät nicht: antworten.

  

Flucht über die Grenze

Der erste funktionstüchtige Prototyp war Ende der 1930er-Jahre fertig – mitten im aufziehenden Krieg. Aus Angst vor Bombenangriffen lagerte Müller seinen einzigen Apparat im Keller einer Münchner Brauerei. Vor allem aber wollte er die Erfindung in der neutralen Schweiz in Sicherheit bringen.

Anfang 1943 reiste er nach Bern – und prompt eröffnete der deutsche Reichspostminister ein Verfahren gegen ihn wegen «Industrieverschiebung». Die Auflage: binnen 14 Tagen eine halbe Million Franken an die Reichsbank. Mithilfe von Emil Bührle, dem Chef der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, konnte Müller die Sache regeln. Der Prototyp blieb in der Schweiz und wurde bei Oerlikon zur Serienreife entwickelt. Sein Münchner Labor wurde derweil zweimal ausgebombt. So wurde aus einer deutschen Erfindung eine gefeierte «Schweizer» – eine Ironie des Krieges.


Bildlegende: Drei Spulenpaare und 71 Relais – das  Innenleben des Ipsophon, gesteuert allein durch Draht und Mechanik. (Foto: Markus Gräub)
Bildlegende: Drei Spulenpaare und 71 Relais – das  Innenleben des Ipsophon, gesteuert allein durch Draht und Mechanik. (Foto: Markus Gräub)

Weltruhm – und ein Schatten

1946 stellte Müller das Ipsophon der Presse vor und machte Schlagzeilen rund um den Globus. «Eine Wundermaschine», hiess es, «ein Telefon, das denkt und spricht.» Das US-Magazin Time nannte den Schweizer Roboter beinahe menschlich.

Das Wunderwerk war teuer – ein Apparat stand im Ferienhaus des Aga Khan in Gstaad, ein anderer im Genfer Büro der Agentur Reuters. Dort wurde das Gerät im Alter eigenwillig: Statt auf Zuruf reagierte es nur noch auf kräftiges Pusten, sodass ein Korrespondent an öffentlichen Telefonen in den Hörer blies, während ringsum die Leute den Kopf schüttelten. Über allem Glanz lag jedoch ein Schatten: Nur ein Jahr nach der Markteinführung beschlagnahmten die USA die Patente – als deutsches Feindvermögen.


Bildlegende: Erfinder Willy Müller (1903–1992) liess sich gern als Vater des Telefonbeantworters feiern. (Foto: Markus Gräub)
Bildlegende: Erfinder Willy Müller (1903–1992) liess sich gern als Vater des Telefonbeantworters feiern. (Foto: Markus Gräub)

Vom Stahldraht zur Cloud

Müller liess sich nicht beirren. Mit dem vereinfachten Alibiphon gelang ihm 1954 der Durchbruch in die Breite: 100 000 Geräte in zwölf Jahren. Als Siebzigjähriger präsentierte er den damals kleinsten Anrufbeantworter der Welt. 1984 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, 1992 starb er in Zollikon.

Sein berühmtestes Gerät steht heute im Telefonmuseum im thurgauischen Islikon – jenes Ipsophon, das einst dem Aga Khan gehörte. Das Erstaunlichste daran: Schon das Modell von 1946 besass sämtliche Funktionen eines modernen Anrufbeantworters – nur eben aus Draht und Relais statt aus Software. Von dort führt eine direkte Linie bis zur Mailbox, die uns heute unsichtbar in der Cloud überallhin folgt. Achtzig Jahre liegen dazwischen – und doch tun beide dasselbe: Sie bewahren eine Stimme auf, bis wir bereit sind, sie zu hören.


Radio S vor Ort: Eine Ansage in sechs Sekunden

Und mittendrin: Radio S. Der Verein bat den Sender, für das Ipsophon eine neue Ansage aufzunehmen – genauso knapp und prägnant wie einst das Original. Die Vorgabe war streng: genau sechs Sekunden, keine mehr. In diese sechs Sekunden musste die ganze Begrüssung passen.

Markus Gräub von Radio S übernahm die Aufnahme – und besuchte am Sonntag gleich die Vereinsveranstaltung in der Telefonia im Greuterhof in Islikon, wo das historische Ipsophon zu Hause ist.


Und wie klingt die neue Ansage? Sechs Sekunden, dann ist Schluss:


«Achtung … sprechen Sie bitte jetzt.»


 
 
 

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