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Nach 47 Jahren ist Schluss: Spitalradio Winterthur löst sich auf

  • M. Ammann
  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Wenn ein Stück Schweizer Radiogeschichte verstummt

An der Generalversammlung vom 19. Mai 2026 wurde die Auflösung des Vereins Spitalradio Winterthur einstimmig beschlossen. Damit endet die Geschichte eines Senders, der die Schweizer Spitalradio-Szene über Jahrzehnte mitgeprägt hat.

 

Platzmangel, verändertes Medienverhalten und der Verlust der Zusammenarbeit mit dem Kantonsspital Winterthur führten zum Ende eines traditionsreichen Vereins. Die letzte GV zeigte aber auch: Die Kameradschaft bleibt.

 



Letzte GV im Rössli-Saal: Ein leiser Abschied von Spitalradio Winterthur


Es war kein gewöhnlicher Vereinsabend, der am Dienstag, 19. Mai 2026, im Saal des Restaurants Rössli in Winterthur-Seen stattfand. Es war eine Generalversammlung, bei der von Anfang an klar war: Hier geht nicht einfach ein Vereinsjahr zu Ende. Hier wird ein Kapitel Schweizer Radiogeschichte geschlossen.

 

Der Verein Spitalradio Winterthur wurde an diesem Abend nach rund 47 Jahren seit seiner Gründung aufgelöst. Damit wurde definitiv vollzogen, was im Juni 2025 mit der Abschaltung des Senders begonnen hatte. Damals verstummte das Spitalradio im Kantonsspital Winterthur nach 46 Jahren Sendetätigkeit. Nun folgte der letzte formelle Schritt: die Auflösung des Vereins.

 

Rund 20 Personen waren zur letzten Generalversammlung gekommen. Anwesend waren 14 Aktivmitglieder, vier Passivmitglieder ohne Stimmrecht sowie zwei Gäste von Spitalradio LuZ. Mit dabei waren auch Nina Gräub, Präsidentin von Radio S in Frauenfeld und Passivmitglied des Vereins Spitalradio Winterthur, sowie Andi Balsiger, Präsident von Spitalradio LuZ in Luzern. Ihre Anwesenheit war auch ein Zeichen der Solidarität innerhalb einer kleiner gewordenen Spitalradio-Szene in der Schweiz.

 


Ein Abschied mit schwerem Herzen


Anita Nydegger, langjährige Präsidentin des Vereins Spitalradio Winterthur und zuletzt weiterhin als Vorstandsmitglied engagiert, eröffnete die Versammlung um Punkt 19 Uhr. So pünktlich, wie es sonst im Radio fast nur die Nachrichten sind. Ihre Stimme war ruhig, nachdenklich und spürbar bewegt. Man merkte schnell: Dieser Abend war für sie und viele Anwesende kein leichter Weg.

 

Trotz Endzeitstimmung war die Generalversammlung sorgfältig vorbereitet. Die Traktanden, Zahlen und Fakten wurden sauber präsentiert, auf der Leinwand waren die wichtigsten Punkte festgehalten. Es wirkte alles geordnet, präzise und würdig. Fast so, als wolle der Verein auch im letzten Moment zeigen: Wir haben bis zum Schluss mit Sorgfalt gearbeitet.

Gleich zu Beginn kam es zu einer besonderen Szene. Anita Nydegger stellte ihren Sohn Michael vor, der krankheitsbedingt nur kurz anwesend sein konnte und zum Schutz eine FFP3-Maske trug. Er erklärte, weshalb er gekommen war und dass seine Stimme trotz anschliessender Abwesenheit gezählt werden solle. Allen Anträgen des Vorstandes könne er vorbehaltlos zustimmen. Diese Geste zeigte bereits früh, wie wichtig die Abstimmungen an diesem Abend waren. Für die Auflösung des Vereins war laut Statuten eine Dreiviertelmehrheit der stimmberechtigten Aktivmitglieder nötig.

 

Per Ende 2025 zählte der Verein noch 17 Aktivmitglieder. Mindestens 13 Stimmen waren damit notwendig. Diese Zahl wurde an diesem Abend erreicht. Die Teilnahme von Michael Nydegger war dennoch ein sehr sympathisches Zeichen der Verbundenheit.

 


10’520 Stunden Freiwilligenarbeit


Noch einmal wurde an diesem Abend sichtbar, wie viel Arbeit in diesem Verein steckte. Von 2016 bis 2025 wurden rund 10’520 Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet. Eine eindrückliche Zahl. Hinter ihr stehen Sendungen, Vorbereitungen, Technik, Moderation, Vereinsarbeit, Ausbildungen, Gespräche, Musik, Wunschkonzerte und viele kleine Einsätze, die in einem solchen Radiobetrieb oft niemand sieht.

 

Auch der letzte Rechnungsbericht wurde präsentiert. Die Mitglieder wurden darüber informiert, was mit dem Vereinsvermögen geschehen soll. Beschlossen wurde, dass das verbleibende Geld den aktiven Mitgliedern ausbezahlt wird, sofern die Auflösung angenommen wird. Die Verteilung erfolgt nach den geleisteten Stunden der letzten zehn Jahre. Weil im Studio über jeden Einsatz Buch geführt wurde, konnte diese Auswertung laut Anita Nydegger ziemlich genau vorgenommen werden. Wer seine Stunden eingetragen hatte, fand sich auch in der akribischen Aufstellung wieder.

 

Die stimmberechtigten Mitglieder stimmten dieser Lösung zu. Auch das Budget 2026 wurde verabschiedet. Es musste noch bestehen, damit die letzten Ausgaben, unter anderem für die Saldierung der Vereinskonten bei der Linth-Bank, gedeckt werden können. Sollte am Ende noch ein winziger Rest übrig bleiben, könne die Kassierin diesen in irgendetwas für sich investieren, scherzte Anita Nydegger. In einem Abend voller Abschiedsschwere war das einer dieser Momente, in denen kurz etwas gelächelt werden durfte.

 


Um 19.16 Uhr war es entschieden


Dann kam Traktandum 7: der Antrag zur Auflösung des Vereins. Um 19.16 Uhr war es definitiv. Alle stimmberechtigten Anwesenden hoben die Hand. Einstimmig wurde die Auflösung des Vereins Spitalradio Winterthur beschlossen.

 

Damit war das Ende besiegelt. Was im Juni 2025 mit der Abschaltung des Senders begonnen hatte, im Oktober mit der Schlüssel- und Badgeübergabe an das Kantonsspital Winterthur weiterging, wurde an dieser Generalversammlung endgültig abgeschlossen.

Anita Nydegger informierte zudem, dass die meisten Akten und Unterlagen des Vereins dem Stadtarchiv Winterthur übergeben werden konnten. Damit bleibt die Geschichte des Spitalradios wenigstens dokumentiert und verschwindet nicht einfach in einer Schublade. Oder, noch schlimmer, in einem unbeschrifteten Karton im Keller.

 

Ebenfalls erwähnt wurde eine Festplatte mit rund 500 GB Daten. Darauf befinden sich Sendungen, Musik, Jingles und vieles mehr. Diese Daten sollen den ehemaligen Mitgliedern zu einem späteren Zeitpunkt zur Verfügung gestellt werden, damit sie ihre Sendungen noch nachhören oder sichern können. Gerade für jene, die jahrelang am Mikrofon standen, dürfte dies mehr sein als nur ein digitales Archiv. Es sind persönliche Erinnerungen.

 


Ein Verein bis zum Schluss


Zum Abschluss der offiziellen Versammlung wurde die Mitgliederstatistik per Ende 2025 eingeblendet. Der Verein zählte damals noch 17 Aktivmitglieder, 23 Passivmitglieder und drei Ehrenmitglieder. Dazu kamen sieben Gönner, die dem Spitalradio Winterthur bis zum Schluss die Treue hielten.

 

Auch Jubilare wurden geehrt. Philipp Mohr war 35 Jahre Mitglied, Michael Nydegger 25 Jahre, Petra Schälchli konnte auf 15 Jahre am Mikrofon zurückblicken, und Felix Müller war seit fünf Jahren dabei. Bei diesen Ehrungen kam wieder etwas mehr Stimmung auf. Laudator André Häring fand persönliche und treffende Worte. Man hörte schnell, dass er dies nicht zum ersten Mal machte. Als Basler dürfte ihm zudem eine gewisse Nähe zu pointierten Sprüchen und Schnitzelbänken nicht geschadet haben.

 

Häring hielt fest, dass es wesentlich aufwendiger sei, einen Verein aufzulösen, als einen Verein zu gründen. Diese Bemerkung war zugleich ein Dank an den Vorstand, der den schwierigen Weg bis zur Auflösung vorbereitet hatte. Den Mitgliedern attestierte er Charakter, weil sie bis zum Schluss geblieben seien.

 

Besonders berührend wurde es, als der Mann von Anita Nydegger das Wort ergriff. In einem liebevollen Statement dankte er seiner Frau für ihren langjährigen Einsatz für das Spitalradio Winterthur. Fast 26 Jahre war sie dem Verein verbunden. Mit einem Augenzwinkern stellte er fest, dass er wegen der Auflösung des Vereins künftig wohl wieder etwas mehr von seiner Anita haben werde.

 

Um 19.42 Uhr war die letzte Generalversammlung offiziell beendet. Trotz der Auflösung gab es Applaus von allen Anwesenden. Vielleicht auch deshalb, weil nach diesem schwierigen Schritt eine Last von den Schultern fiel. Das anschliessende Nachtessen wurde zu einem würdigen Abschluss. Die Stimmung löste sich etwas, die Gespräche wurden lebendiger, die Kameradschaft wurde gepflegt. Genau das, was einen Verein eben ausmacht.

 


Vom Wunschkonzert zum Radiobetrieb


Die Geschichte des Spitalradios Winterthur reicht bis ins Jahr 1979 zurück. Gegründet wurde es am Kantonsspital Winterthur. Ursprünglich hiess es offenbar «Radio Grammophon». Als Gründer werden Pater Ursmar Wunderlin, Spitalseelsorger am KSW, und Ullrich Lewicki genannt. Lewicki hatte zuvor bereits in Deutschland ein Spitalradio aufgebaut.

 

Begonnen hatte alles mit einem einfachen Wunschkonzert ab Schallplatte für Patientinnen und Patienten. Daraus entwickelte sich über die Jahre ein moderner Radiobetrieb mit freiwilligen Moderatorinnen und Moderatoren, digitaler Sendetechnik und mehreren Live-Sendungen pro Woche. Die Katholische Kirche Zürich bezeichnete das Spitalradio Winterthur sogar einmal als erstes «Lokalradio» der Schweiz.

 

2019 feierte das Spitalradio Winterthur sein 40-jähriges Bestehen mit einer Jubiläumssendung im Kantonsspital. Damals wurden auch frühere Präsidentinnen wie Denise Moser und Angelika Züst erwähnt. In der langen Geschichte des Vereins standen nur wenige Personen an der Spitze. Als prägende Namen gelten Gründervater Pater Urs Wunderlin, Denise Moser, Angelika Züst und zuletzt Anita Nydegger.

 


Warum das Radio verstummte


Das Ende des Spitalradios Winterthur hatte sich nicht von einem Tag auf den anderen abgezeichnet. Wie die Winterthurer Zeitung und der Tages-Anzeiger im vergangenen Jahr berichteten, beendete das Kantonsspital Winterthur die Zusammenarbeit mit dem internen Radio aus Platzgründen. Das Studio war zwar nur rund neun Quadratmeter gross, doch das KSW erklärte, man stehe wegen zunehmender Raumknappheit vor der Herausforderung, nichtklinische Bereiche aus dem Kernareal auszulagern. Der Raum werde neu für klinische Zwecke benötigt.

 

Aus Sicht des Radioteams war dies ein schmerzlicher Entscheid. In den Medien wurde auch deutlich, dass beim Spitalradio schon länger der Eindruck bestand, das Interesse des Spitals am Sender habe abgenommen. Nach der Coronapandemie konnten Freiwillige keine Musikwünsche mehr direkt bei Patientinnen und Patienten abholen. Auch das Angebot des Radioteams, diese Aufgabe selbst zu übernehmen, wurde laut Angaben aus dem Verein abgelehnt. Die blauen Briefkästen für Musikwünsche verschwanden im Zuge der Neubauten ebenfalls.

 

Das KSW wiederum verwies neben der Raumfrage auch auf verändertes Medienverhalten. Patientinnen und Patienten blieben heute weniger lang im Spital, und das Spitalradio werde gemäss Auswertung des Entertainment-Systems kaum noch genutzt. Vertreterinnen des Spitalradios zweifelten diese Einschätzung an und betonten, gerade ältere Menschen hätten das Angebot weiterhin geschätzt.

 

Unbestritten bleibt: Das Spitalradio leistete während Jahrzehnten etwas, das sich kaum in Zahlen messen lässt. Es brachte Musik ans Bett, übertrug Gottesdienste, erfüllte Wünsche, begleitete einsame Abende und vermittelte ein Gefühl von Nähe. Freiwilligenarbeit kann man in Stunden erfassen. Ihre Wirkung aber nur schwer in einer Kosten-Nutzen-Rechnung darstellen.

 


Ein Verlust für die Schweizer Spitalradio-Szene


Mit der Auflösung des Vereins Spitalradio Winterthur verschwindet nicht nur ein lokaler Verein, sondern ein wichtiges Stück Schweizer Spitalradio-Geschichte. Winterthur gehörte zu den ältesten Spitalradios der Schweiz und wurde teils sogar als erstes Privatradio oder erstes «Lokalradio» der Schweiz bezeichnet. In der Winterthurer Zeitung wurde es als zweitältestes Spitalradio der Schweiz beschrieben.

 

Die genaue Einordnung ist historisch nicht ganz einfach. Auch Radio S in Frauenfeld wurde 1979 gegründet, die erste Sendung lief dort am 7. Januar 1979. Öffentlich klar belegbar ist: Radio S ist heute sehr wahrscheinlich das älteste noch aktive Spitalradio der Schweiz. Es sendet heute in den Häusern der Spital Thurgau AG, unter anderem in Frauenfeld und Münsterlingen, sowie per Stream.

 

Ebenfalls weiterhin aktiv ist Spitalradio LuZ am Luzerner Kantonsspital. Seit 1990 beziehungsweise 1991 begleitet Spitalradio LuZ Patientinnen, Patienten, Mitarbeitende und Musikfreunde. Heute ist Spitalradio LuZ nicht nur im Spital, sondern auch online und über DAB+ in der Zentralschweiz empfangbar.

 

Dass nach dem Ende von Spitalradio Winterthur öffentlich klar belegbar nur noch wenige Spitalradios in der Schweiz aktiv sind, stimmt nachdenklich. Eine Radiogattung, die einst aus Nähe, Freiwilligenarbeit und dem Gedanken entstand, Menschen im Spitalalltag zu begleiten, ist kleiner geworden. Umso wichtiger bleibt es, die Geschichte dieser Sender festzuhalten.

 


Was bleibt


Spitalradio Winterthur ist nicht einfach verschwunden. Es hat Spuren hinterlassen. Bei ehemaligen Patientinnen und Patienten, bei Mitarbeitenden im Spital, bei den Moderatorinnen und Moderatoren, bei den Vereinsmitgliedern und in der Schweizer Spitalradio-Szene.

 

Was 1979 mit Schallplatten und Wunschkonzerten begann, wurde über Jahrzehnte zu einem besonderen Radiobetrieb. Einer, der nicht auf Einschaltquoten, Reichweite oder Werbemarkt ausgerichtet war, sondern auf Menschen. Auf jene, die im Spital lagen. Auf jene, die sich über ein Lied freuten. Auf jene, die am Sonntagmorgen einen Gottesdienst hörten. Auf jene, die vielleicht für einen Moment vergassen, dass sie gerade Patientin oder Patient waren.

Am 19. Mai 2026 wurde der Verein Spitalradio Winterthur formell aufgelöst. Doch die Erinnerung an dieses Radio bleibt. Im Stadtarchiv Winterthur, auf alten Sendungen, in den Stimmen auf der Festplatte und vor allem bei den Menschen, die während fast fünf Jahrzehnten mit viel Herzblut dafür gesorgt haben, dass im Kantonsspital Winterthur Musik, Worte und Gemeinschaft zu hören waren.

 

Oder anders gesagt: Der Sender ist still. Aber ganz verstummt ist Spitalradio Winterthur nicht.

 

 
 
 

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